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Home > Specials > Feuilleton > Auf nach Deutschland 2018
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Beitrag: Auf nach Deutschland 2018  (Gelesen 15654 mal) Drucken
 
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Auf nach Deutschland 2018
« am: 27.08.2008, 14:30:55 »
Emily bewegte sich vorsichtig zwischen all dem alten Gerümpel hindurch, schaute links, schaute rechts. Hob hier das eine, dort das andere Stück Vergangenheit ihrer Eltern auf und musterte es, bis - ja bis sie ein merkwürdiges Ding entdeckte. An einem Band aus irgendeinem Stoff hing eine goldene Plakette, darauf fünf Ringe und noch einiges Andere, was sie nicht erkennen konnte. Die Achtjährige besah sich das seltsame Fundstück, betastete es und versuchte die wirren Symbole darauf zu entschlüsseln.

Plötzlich knirschte die Treppe des Dachbodens und vor Schreck hätte Emily beinahe wieder einmal einen dieser Hustenanfälle bekommen. Doch Durchatmen half und so brachte sie krächzend hervor: "Wer ist da?". "Ich bin's, meine Kleine", antwortete ihre Mutter und Erleichterung breitete sich in Emily aus. "Mami, was ist das für eine komische Medaille?", brach die Kleine unverzüglich hervor als sich der Schreck gelegt hatte. Doch nun war anscheinend ihre Mutter an der Reihe mit schreckgeweiteten Augen in die Gegend zu starren. Sie blickte vor sich hin.

Eine ganze Weile passierte gar nichts, dann begann sie langsam den Kopf zu schütteln und ihre Arme vorzustrecken. "Das Ding ist noch da?", fragte sie sich offenbar selbst und langsam aber sicher begannen sich ihre Augen mit Tränenflüssigkeit zu füllen. Als sie merkte, dass sie die Flut nicht länger würde zurück halten können, drehte sie sich um, schlug die Hände vor die Augen und rannte die Treppe hinunter ins Schlafzimmer. Die Tür schloss sich und der Schlüssel drehte sich im Schloss.

Auch Emily war den Tränen nahe. Das hatte sie nicht gewollt und noch viel schlimmer: Sie verstand es nicht. Immer noch hatte sie diese unförmige Plakette in der Hand, doch nun wollte sie wissen, was es damit auf sich hatte. Ergo spurtete sie ihrer Mutter hinterher, die Treppe hinunter und auf's Schlafzimmer zu. Doch mitten im Lauf war da wieder einer dieser Anfälle. Sie krümmte sich nur noch vor Husten. An ein Laufen war nicht zu denken. Schon oft war sie deswegen von einem Arzt zum anderen gereicht worden, doch alles, was diese herausgefunden hatten, war, dass Emily einen Gendefekt hatte, ausgelöst - angeblich - durch ein Medikament, welches ihre Mutter lange vor der Schwangerschaft abgesetzt hatte. Damals hatte ihre Mutter viel mit Ärzten zu tun gehabt. Emily fragte sich, ob sie den gleichen Defekt hatte.

Minuten verstrichen, bis Emily einigermaßen wieder Luft bekam. Doch die Tür zum Schlafzimmer war längst geschlossen und verriegelt. Alles, was zu hören war, war das leise und gedämpfte Schluchzen ihrer Mutter. Was war nur so schlimm an dem Ding? Ja, es war nicht das erste Mal, das sich ihre Mutter so einschloss. Oft kam es nicht vor, aber vielleicht hatte es ja etwas mit ihrem Vater zu tun. Emily hatte ihn noch nie gesehen. Wann immer sie nach ihm fragte, bekam sie zu hören, dass er wohl gern nach Hause käme, aber im Moment nicht kann. Weiter wollte Emily gar nicht mehr fragen, denn sie merkte, dass ihre Mama sich schlecht dabei fühlte. Einmal hatte Herr krause von nebenan erzählt, ihr Vater sei bei dem Krieg gegen Georgien gefangen genommen worden und müsste dort nun den ganzen Tag für irgendwelche Leute arbeiten, die er nicht kenne und sich auch nicht mit ihnen unterhalten könnte. Aber warum ist er dann erst da hin gefahren, wenn er sowieso mit keinem reden konnte?

Da durchfuhr es sie: Herr Krause! Wann immer Emily Hilfe brauchte oder etwas wissen wollte, was ihr ihre Mutter nicht sagen konnte, versuchte sie es bei Herrn Krause von nebenan. Dieser hatte die 60 schon lange überschritten und musste nicht mehr arbeiten. Früher war er einmal Ingenieur gewesen, was bedeutete, dass er überall auf dieser Welt herumgereist war und den Leuten erzählt hatte, wie sie Brücken, Tunnels und andere wichtige Dinge richtig bauen sollten. Sogar in einem Werbespot war er aufgetreten, zusammen mit seiner Tochter. Doch die war inzwischen längst groß und lebte weit weg. Wie sich wohl Herr Krause mit den Leuten aus Georgien verstanden hätte?

Jedenfalls hatte Herr Krause viel Zeit, sich um seinen Garten zu kümmern, weil er damals immer wieder Geld Leuten auf der ganzen Welt gegeben hatte. "Anlage" nannte er es und grinste immer, wenn er davon sprach, wie Andere in seinem Alter 12 Stunden am Tag Parkplatzwächter oder Hotelportier spielen mussten um über die Runden zu kommen.

Emily schaute aus dem Fenster und erblickte den weißhaarigen Mann in grauer Hose und dunkelrotem Pullover und mit einer Harke bewaffnet. Schon wollte die Kleine wieder losstürmen, als ihr siedend heiß der gerade verdaute Anfall einfiel und sie sich doch wesendlich bedächtiger auf den Weg ins Freie machte. Dort angekommen, baute sie sich vor dem Nachbarn auf, hielt ihm die merkwürdige Münze entgegen und fragte: "Du, Herr Krause, weißt Du was das ist?" Der Angesprochene blickte leicht mürrisch auf und erwiderte: "Hallo Emily". Leicht errötend presste die Kleine "Ach ja, hallo Herr Krause", hervor. Immer wieder vergaß sie, wie sehr Herr Krause diese altmodischen Höflichkeitsfloskeln liebte. Und in dessen Gesicht hatten ihre Worte auch prompt Wirkung getan. Das mürrische Gesicht hellte sich zu einem Lächeln auf. "Na, dann lass doch mal schauen, was Du da hast." Emily streckte die Hände aus und zeigte dem Mann ihren Fund. Dieser reagierte zu ihrem Erstauen ähnlich wie zuvor ihre Mutter. Grenzenloses Entsetzen stand für einen Moment im Gesicht des Mannes und betretenes Schweigen herrschte für endlose Sekunden.

"Hm...", machte der von der Gartenarbeit abgehalten. "Ich weiß nicht, ob ich Dir das wirklich erklären soll - hast du es Deiner Mutter gezeigt?". "Ja, aber Mamma hat angefangen zu heulen und ist auf ihr Zimmer gegangen." Unsicher nickte Herr Krause, fasste sich aber dann. "Ach was! Du lässt mir ja eh keine Ruhe, bist Du weißt, was es damit auf sich hat." Emily grinste. "Also, hör zu! Deine Mamma war mal eine sehr bekannte Frau." "Aber sie kann doch nicht tanzen und beim singen laufen immer alle weg", erwiderte Emily. "Ja, das ist richtig", bestätigte Herr Krause, der sich noch gut an den Karaokeversuch seiner Nachbarin beim letzten Straßenfest erinnern konnte. Danach war das Fest zu Ende gewesen. "Aber bevor Du geboren wurdest, waren nicht nur Sänger und Tänzer oder Politiker berühmt, sondern auch Sportler." Emily war baff. Sportler als Berühmtheiten. Das musste eine verrückte Zeit gewesen sein. "Was war sie denn? Beachvollyballspielerin?", wollte das Mädchen wissen. "Nein, sie war Leichtathletin, Hammerwerferin, um genau zu sein." Herr Krause blickte in das leere Gesicht seiner Zuhörerin. "Hammer werfen war eine Sportart, bei der ein Hammer - oder ein Gewicht - an einem kurzen Seil befestigt wurde und von den Athleten möglichst weit geschleudert werden musste." Ungläubig starrte Emily ihn an. "Es gab Feste, sogenannte Meetings, es gab Europameisterschaften und sogar Weltmeisterschaften bei denen der Hammer geworfen wurde. Und alle vier Jahre gab es dann auch die Olympischen Spiele. Man hatte von den alten Griechen ein Turnier wieder aufleben lassen, den ganzen Kram mit der Opferung der Teilnehmer weggelassen und organisierte für viel, viel Geld Spiele aller Sportarten. Und siehst Du Emily, deine Mamma hat gewonnen, 2008 in China im Hammerwerfen. Dafür hat sie diese Medallie bekommen." Herr Krause machte eine Pause und sah Emily an. Die hatte die Augen geschlossen und murmelte vor sich hin.

Plötzlich schlug sie die Augen auf und starrte Herrn Krause ins Gesicht. "Aber warum hat Mamma dann geweint als ich ihr dieses Ding gezeigt habe?" Der ältere Herr seufzte tief, scheute sein Gegenüber misstrauisch an, fuhr dann aber fort: "Ja, deine Mamma hat lange für diesen Sieg gearbeitet, hat trainiert, geschuftet und geschwitzt. Das haben aber viele. Irgendwann kam damals jemand auf die Idee, dass man mit Medikamenten den Hammer weiter schleudern konnte. Und auch in allen anderen Sportarten ließen sich so die Leistungen verbessern. Bald hieß diese Medikamentenschluckerei Doping und fast jeder tat es, egal, was später passieren würde." "Aber Medikamente nimmt man doch nur ein, wenn man krank ist. Und die muss der Arzt doch verschreiben." "Das ist richtig, aber Ärzte waren beim Doping immer dabei und für den Sieg haben viele halt geschluckt. Eine ganze Menge wussten, so wie deine Mamma, nicht, was sie da nahmen. Der Trainer hatte es ihnen gegeben. Inzwischen hatte man auch bei den Ausrichtern gemerkt, was da los war. Einige der Sportler waren gestorben, weil sie zu viel genommen hatten. Doch Sport interessierte jeden und Olympia noch viel mehr. Fernsehanstalten, so eine Art Vorläufer des Internet, bezahlten Millionen, damit sie die Sportler zeigen konnten. Firmen bezahlten um mit ihnen Werbung machen zu dürfen. Eine verrückte Zeit." Emily hörte und begriff nur die Hälfte. Aber diese Hälfte war bereits genug um wütend zu werden. "Aber warum ist das dann heute noch so schwer für Mamma, sie hätte dieses dumme Ding doch zurückgeben können als sie das über den Trainer erfahren hat."

Ein schweres Nicken bewegte die tiefen Falten, die sich auf Herrn Krauses Stirn gebildet hatten. "Du hast schon wieder Recht. Es gab aber etwas, was sich nicht so leicht aus der Welt räumen ließ, wie eine unfair erworbene Medaille bei Olympia: Du!" Emily fuhr erschrocken auf: "Ich? wieso ich?" "Wie geht es eigentlich deinem Husten, Emily?", fragte Herr Krause. Emily schaute ihn verblüfft an. Es war normal, dass sich Herr Krause nach ihrem Husten erkundigte, das tat er immer. Aber warum gerade jetzt? Dennoch antwortete sie: "Unverändert." - als es sie durchschoss - "Moment mal, Mammas Medikament war gar kein Medikament gewesen, das waren Dopingmittel und mein Gendefekt ist die Folge dieser Mittel", floss es aus ihr heraus.

"Sorry, Emily, ich muss mit dem Rasen weiter machen", sagte Herr Krause und schnappte sich wieder seine Hacke. Emily blieb viele Minuten stumm auf einer Bank in Herrn Krauses Garten sitzen bis sie sich in ihr Zimmer aufmachte um dort den Rest der Nacht zu weinen.

Auf das dies nie Wahrheit würde...


Stichworte: Olympia, Terrorspiele, China, Peking, Doping, Krieg, Georgien, Hammerwerfen, Lüge
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Bildquelle: Olympia 2008



     

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 Ein Beitrag von: hell  Profil anzeigen    facebook  twitter  google+  
LuckyStrike
Gast
« Antwort #1 am: 28.08.2008, 15:34:11 »
Sehr gelungender Artikel hell *applaus* Aber die Überschrift war im ersten Moment verwirrend Augenzwinkern
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hell

ja malinki angel

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Stammtisch HC

bronze Palme
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bronze Palme

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« Antwort #2 am: 28.08.2008, 15:42:11 »
danke, und danke. Das sollte er auch sein - wie der restliche Text - ...
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Irre ist menschlich!
An mia hätt der Freud sei Freud g'habt!
Wer Autovision hat, sollte zum Arzt gehen.

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Lion

vorsicht bissig

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Stammtisch HC

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« Antwort #3 am: 04.09.2008, 21:45:44 »
Bin erst jetzt zum lesen gekommen.
Wirklich wieder schön geschrieben hell!  großes Augenzwinkern
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Ich bin nicht die Signatur, ich putz hier nur!
Bin auf dem Weg ins Badezimmer geblitzt worden. Ich wollte putzen, jetzt ist der Lappen weg!
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hell

ja malinki angel

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bronze Palme
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bronze Palme

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« Antwort #4 am: 04.09.2008, 23:14:24 »
man dankt, hoffentlich regts auch an
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An mia hätt der Freud sei Freud g'habt!
Wer Autovision hat, sollte zum Arzt gehen.

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