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Ein Bericht aus Israel
« am: 09.08.2006, 14:06:47 »
Aus dem Spreeblick-Blog:

Zitat
Ein Bericht aus Israel

Eine Bekannte, nennen wir sie Julie, lebt seit einem Jahr im Norden Zentrum Israels. Netterweise hat sie auf meine Bitte hin einen Bericht über ihre ganz persönlichen aktuellen Eindrücke verfasst, wofür ich mich herzlich bedanke. Nach dem Klick könnt ihr den Text lesen, der keinerlei Anspruch auf Objektivität erhebt, sondern das beschreibt, was Julie derzeit empfindet, denkt und mitbekommt.

Ein paar Worte vorweg

Als ich vor einem Jahr meine sieben Sachen packte und den “Sprung ueber das Mittelmeer” wagte, war mir schon bewusst, dass ich in eine Gegend gehe, die ein komplett anderes Sicherheitsgefuehl hat. Hier angekommen, war alles gut, man gewoehnt sich an das Taschenoeffnen beim Betreten von Laeden, Bueros und Arztpraxen. Die Frage „yesh neshik?“ (Hast du eine Waffe bei dir) beim Betreten der selbigen, der Anblick von schwerbewaffneten Teenagern, die heim zu Mami fahren, das eine oder andere (teilweise) beeindruckende Militaerfahrzeug; daran kann man sich auch noch gewoehnen. Und lass uns mal ehrlich sein, die Sonne scheint an 300 Tagen im Jahr, die Tomaten und nicht EU-Standard Gurken schmecken wie aus Omas Garten und das Meer rauscht an keinem Platz im Land weiter als 1,5h weg. Das Leben koennt so schoen sein, als Neueinwanderer aus Kalt-Deutschland.

Dann gibt es sicherlich diese Tage, wo man schon morgens aufsteht und ein komisches Gefuehl hat. Das sind die Tage, wo man Plaetze mit vielen Menschen einfach meidet. Wo man genau schaut, wo Strassen geschlossen werden und welche Runde der Polizeihelikopter dreht. Das sind die besseren Faelle von Terroralarm. Manchmal passiert es dann doch ohe Alarm. Selbstmordattentate in Netanya, Hadera, Tel Aviv, Drive-by Shootings an Bushaltestellen im Westjordanland, Kidnappings von Siedlern im Westjordanland. Dann haelt das Land an, fuer ein paar Minuten oder auch Stunden, kommt ganz drauf an, wie nah man am Geschehen ist.

Dann kommen die Medien ins Spiel. An dieser Stelle ein bisschen Statistik: Es leben ca. 7 Mio Menschen hier, man geht davon aus, dass es rund 2 Mio nicht Hebraeisch sprechende Menschen gibt. Sie sprechen dann meist Arabisch, was auch Amtssprache ist, und oft auch Russisch, was keine Amtssprache ist, aber gern als solche betrachtet wird.

Diese 5-7 Mio haben 4 grosse hebraische Tageszeitungen, 3 russische, 3 englische, diverse in Arabisch, Franzoesisch sowie Spanisch. Diese Zeitungen haben selbstverstaendlich alle eine Online-Ausgabe. Dazu kommen eineinhalb staatliche TV-Sender und zwei sogenannte private Vollprogramme, die sich in ihrer Berichterstattung nicht wirklich von RTL und SAT1 unterscheiden. Israeli Israel (der typische Israeli) liesst mindestens eine Tageszeitung und schaut rund eine Stunde Nachrichten. Die Macht der Medien ist enorm, so enorm, dass manchen Europaeer es scheint, sie wuerden keinem Pressegesetz unterliegen.

Wo ich schon mal dabei bin, Israeli Israel ist mit 26-30 Jahre verheiratet mit erstem Kind. Das Alter wuerde sicherlich noch juenger sein, wenn Israeli Israel nicht nach der Schule, also im zarten Alter von 18 zum Wehrdienst muss. Sicherlich gibt es einen Trend, diesen zu umgehen, gelingt meist aber nur den ultra-orthodoxen. Der Wehrdienst dauert fuer die jungen Frauen 2 Jahre und fuer die jungen Maenner 3 Jahre. Anschliessend arbeiten sie ein zwei Jahre und dann gehts nach Suedostasien oder Suedamerika. Weit weg und noch mal Teenager sein duerfen. Dann wird je nach Finanz-und Bildungssituation studiert oder man geht arbeiten. Idealerweise wird dann bald geheiratet, man kauft(!) eine Wohnung, Auto und jede Menge Kram fuer die lieben Kleinen.

Seit Juli gibt es ein Gesetz, dass man sein Konto nicht mehr ueberziehen darf auch nicht mit DISPO, die Vergabe von Klein-bis Mittelkredite ist dementsprechend nach oben geschellt. Israeli Israel liebt es zu konsumieren. Unklar ist nur, wie sich die Menschen das ohne Kredit leisten koennen, bei Loehnen, die nicht mit Mitteleuropa vergleichbar sind. Einmal im Jahr wird dann auch mal ein anderer Landstrich in der Welt besucht, gern die Amerikas oder auch Europa. Am Wochenende wird die Familie ins Auto gepackt zusammen mit jeder Menge Verpflegung und dann geht es ab an den Strand oder in die Berge oder einfach nur zum Teich mit Park in die naechste Ortschaft. Ganz schoen spiessig koennte man meinen, aber was die Menschen hier suchen und wollen, ist Frieden und innere Ruhe.

Der Krieg, der keiner ist ODER Wo ist mein persoenlicher Patriot?

Ich denke, die akute Phase begann mit der Entfuehrung des Soldaten Gilad Shalit am Grenzposten Kerem Shalom am Gaza Streifen. An jenem Gaza Streifen, wo die Israelische Regierung letztes ihre letzten Siedlungen nicht wirklich friedlich geraeumt hat. Waehrend man hier im letzten Sommer Flagge zeigte in Form von orangen (dagegen) und blauweissen (dafuer) Stoffstreifen, war der sogenannte Pullout (Raeumung der Siedlungen unter staatlicher Aufsicht) nicht wirklich hilfreich fuer den Friedensprozess. Die Orangen propagierten schon direkt nach dem Pullout, dass es die Palaestinenser nicht befriedigen wird, wohingegen die Blauweissen noch immer auf ein Wunder hofften. An der Stelle sei auch erwaehnt, dass Palaestinenser ihre Arbeit vorloren haben durch den Pullout. Viele von ihnen arbeiteten in den Agrikulturbetrieben dort.

Zurueck zu Gilad, durch einen Tunnel und durch die Unaufmerksamkeit einer Soldatin gelang es Aktivisten der diversen Palaestinenser Gruppen auf israelisches Territorium vorzudringen und zwei Soldaten zu erschiessen und einen dritten zu entfuehren. Da Gilad auch franzoesischer Staatsbuerger ist, mischte sich auch ganz schnell Frankreich in die Verhandlungen ein und versuchte ihren Staatsbuerger frei zu bekommen. Israel lehnte einen Gefangnenaustausch aus und marschierte stattdessen mit starken Geschuetz in den Gaza Streifen ein. Galid konnte man nicht lokalisieren und auch die taeglichen Kassams (Kurzstreckraketen), welche aus Gaza nach Israel regelmaessig abgeschossen werden, konnten nicht gestoppt werden. Ich glaube, die israelische Armee ist noch immer am Suchen und Zerstoeren im Gaza.

Gute drei Wochen spaeter dann der Angriff im Norden. Wieder werden Soldaten getoetet und entfuehrt. Was nun fragten wir uns alle fuer ein zwei Tage, aber wir schliesslich leben wir in einer mediendominierten Welt, welche es uns leicht machte. “Wir werden gewinnen” – Das war die Headline, die uns Bank Leumi in Form von Aufklebern in die Tageszeitung legte. “Israel ist stark” sprang mir in der oertlichen Bushaltestelle ins Auge und das Privatfernsehen begann am dritten Tag die Tage zu zaehlen, “Tag 3 im Krieg”. “Tag 3 im Krieg”? Bis heute (Tag26) hat die Regierung des Staates Israel noch keinen Kriegszustand erklaert. Wenn er dieses tun wuerde, muesste er naemlich viel Geld in den Wiederaufbau der Staedte und Gemeinden im Norden stecken sowie Unternehmen, welche Schaeden an ihrem Eigentum zu beklagen haben, Entschaedigung zahlen.

Familien aus dem Norden Israels packten, wenn sie ueber Geld und Verwandte im Zentrum des Landes verfuegten, ihre Kinder und Computer in das Auto und rollten gen Sueden. Viele, die ueber ein bisschen mehr Geld verguegen verstopften die Strassen um das Ferienparadies Eilat am Roten Meer kilometerweit. Familien, die keine Verwandte, aber wenigstens ein Auto vorweisen koennen strebten auch in das Zentrum und kamen in Gastfamilien und Aufnahmezentren fuer Neueinwanderer unter. Die Familien allerdings, die kein Auto oder ueber das noetige Kleingeld verfuegen bleiben in Safet, Kiriyat Schmone und Nahariya und in all den Doerfern, Kibbuzim und Genossenschaften im Norden.

Man spricht von verlorenen Ernten, von Menschen, die im Norden bleiben, weil sie ihre Tiere nicht allein lassen wollen oder einfach von Menschen, die der Staat vergessen hat. Neueinwanderer, Gastarbeiter, Menschen mit Behinderungen, alleinerziehende Muetter und Alte. Menschen, die jetzt von Reportern zitiert werden, “Wir leben wie die Hunde”. Die grossen Supermarktketten bringen Erdnussflips und Zahnpasta zu den Soldaten, aber Windeln und Ersatzmilchpulver oder Hummus und Reis schaffen es meist nicht in die entlegenen Regionen im Norden.

Vor zwei Wochen war es denn soweit, voller Aufregung lass ich, dass auch in unserer Gegend ein sogenanntes PATRIOT (bodengestütztes Langstrecken-Flugabwehrraketensystem zur Abwehr von Flugzeugen, Marschflugkörpern und taktischen ballistischen Mittelstreckenraketen) aufgestellt werden soll. Wow, sozusagen mein persoenliches Flugabwehrraketensystem vor der Haustuer. Schwer beeindruckt von diesem langen Namen, begann ich meine Recherchen und musste bald feststellen, wieder alles nur Propaganda. Patriots koennen gegen Katjushas nichts ausrichten. Hilflos, fuer Technikfreaks in die Landschaft gestellt. Prima. Also weiter auf meine Ohren und die Sirene vertrauend, unseren Sicherheitsraum leerraeumen und ihn mit Wasser und Muesliriegeln bestuecken. Seit dem 1. Irak Krieg werden hier alle Wohnungen mit einem Sicherheitsraum bestueckt. Hier handelt es sich um einen Raum, der moeglichst keine Fenster hat und von Beton/Stahlwaenden umgeben ist. Wir haben ein Gaestebett drinstehen, welches momentan mit Schlafsack und Transisterradio ausgeruestet ist.

Waehrend also die Soehne und Toechter dieses Landes ihren Reservedienst ableisten, bleiben wir an der Heimatfront. Wir beobachten die Medien, tauschen uns mit den Menschen auf der Strasse aus und beten, dass es uns nicht trifft. Dieser Plan ging bis Freitag Abend auch noch auf. Als wir beim allfreitaeglichen Shabbesessen sassen und schon fast ein bisschen unbeschwert waren, hoerten wir ein tiefes Bumm. Wir waren ruhig fuer einen Moment und sagten uns, wird schon alles in Ordnung sein, wahrscheinlich ein Verkehrsunfall an der nahe gelegenen Landstrasse. Minuten spaeter sass die komplette Familie inklusiver Kleinkinder und Hunde vor dem Fernseher und sah mit Schrecken, dass 40km von uns drei Raketen runtergekommen sind. Wir, die sich doch sicher fuehlten, die zwar naechtelang nicht schlafen konnten, weil schwere Flugzeuge ueber unseren Koepfen kreisten, aber wir waren doch sicher. Es war der suedlichste Beschuss bis dato und er galt den Elektrizitaetswerken in Hadera.

Ich glaube, schlussendlich glaubt hier nur noch etwa die Haelfte, dass “Wir gewinnen werden”. Wir haben schon soviel verloren und wir verlieren jeden Tag mehr. Wir alle haben mindestens einen Menschen aus der Familie, der im Norden sein Leben riskieren muss. Wir alle vermissen die Wochenendtrips an den Strand oder in die Berge oder einfach nur zum Teich mit Park in die naechste Ortschaft; nur wieder Frieden und innere Ruhe.

Quelle: http://www.spreeblick.com/2006/08/08/ein-bericht-aus-israel

Stichworte: Israel
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